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Nordkurier
Artikel vom 02.04.2011
Von Anne Dietrich

Ein Wiedersehen mit Tilla

Eigentlich sind Eva Charlotte Hoppe und Anna Sophia Bönsch beste Freundinnen. Doch vor etwas mehr als einem Monat flogen zwischen den beiden Zwölfjährigen ganz schön die Fetzen: Es wurde geschimpft, gerangelt, geschubst und geprügelt. Immer und immer wieder krümmte sich Eva Charlotte am Boden, während Anna Sophia auf sie eintrat. Eine dramatische Szene. Schmerzhaft war sie aber nicht, sagt Eva Charlotte und grinst ihre Freundin an. Denn die Prügelei der beiden war nur gespielt.
Für ein Filmprojekt der Medienwerkstatt Neubrandenburg schlüpften die Mädchen in die ungewohnten Rollen von Feindinnen. Die Werkstatt drehte in den Februarferien an der Evangelischen Schule St. Marien den DEFA-Streifen "Die dicke Tilla" aus dem Jahr 1981 nach. Darin geraten die zierliche Anne, die neu an eine Schule kommt, und Tilla, die Klassenstärkste, ohne wirklichen Grund heftig aneinander. Erst als die beiden bei einer Verfolgungsjagd in eine ausweglose Lage geraten, beginnen sie miteinander zu reden und die Wut verraucht.
"Eine zeitlose Geschichte, die sich ohne große Veränderungen in die heutige Zeit versetzen lässt", findet Anja Schmidt. Deshalb entschied sich die Medienpädagogin für eine Neuauflage des Films im Rahmen des Latücht-Projekts "Jugend und Macht" (JUM). Als "Die dicke Tilla - Reloaded" wird der Film am Dienstag das 17. Jugendmedienfest der Viertorestadt eröffnen.
Es ist überhaupt die Premiere des Streifens. Eva Charlotte - alias Anne - und Anna Sophia - als Tilla - sind schon gespannt, wie ihre handfeste Streitszene auf der Leinwand wirken wird. "Es war schon komisch, die Fiese zu spielen, böse Dinge zu Lotti zu sagen und sogar so zu tun, als würde ich sie verprügeln", sagt Anna Sophia noch immer ein bisschen ungläubig. "Das war mal was anderes", bestätigt Eva Charlotte nüchtern und nickt. Probleme habe sie mit der neuen Situation aber nicht gehabt, so Eva Charlotte. Schließlich sei immer klar gewesen, dass die verletzenden Worte nicht ernst gemeint waren. Ihre Vertrautheit hat den beiden Mädchen Sicherheit gegeben. "Durch die Freundschaft konnten sie unheimlich stark in ihren Rollen werden", sagt Anja Schmidt. Beabsichtigt war dieser Effekt allerdings nicht. Erst beim Dreh fiel den Organisatoren auf, dass sie aus der ungewöhnlich vielen Bewerbern - insgesamt wollten 40 Kinder Teil des Filmprojekts sein - ausgerechnet zwei Freundinnen zu Film-Kontrahenten bestimmt hatten.
Auch die Wahl des Ausgangsfilms war ein solcher Glücksgriff, erzählen Anja Schmidt und Kamera-Mann Toni Schwabe. Zwei Dinge gaben den Rahmen für das Medienprojekt vor: Die zeitliche Begrenzung auf eine Winterferienwoche und das Oberthema "Jugend und Macht". Also suchten Toni Schwabe und Anja Schmidt nach einer passenden Story, um sie neu auszugestalten. Sie schauten sich durch einen Fundus alter Kinderfilme und stießen dabei auf "Die dicke Tilla". Der Streifen erschien so passend, dass den beiden gleich klar war: "Den nehmen wir." Das Vermitteln komplexer Begriffe wie "Macht" und "DDR" parallel zum Heranführen an die Medienarbeit ergaben sich durch die Vorlage wie von selbst.
"Wir haben uns dafür entschieden, hauptsächlich auf eine leichte und unterschwellige Art mit den Kindern über die DDR zu reden und angeregt, dass sie auch zuhause mit ihren Eltern darüber sprechen", sagt Anja Schmidt. Auch das Thema "Macht" wurde vor allem praktisch, in der gemeinsamen Arbeit, behandelt. Filmprojekte hätten immer viel mit der Entwicklung sozialer Kompetenzen zu tun, glaubt die Medienpädagogin. Schließlich seien bei so einem kleinteiligen und aufwendigen Vorhaben die Machtverhältnisse ziemlich ausgeglichen. "Fällt einer aus, hat das Auswirkungen auf alle", fasst Anja Schmidt zusammen.
Neben diesen Erfahrungen sei es für die Kinder jedoch am spannendsten gewesen, die Entstehung eines Filmes so hautnah mitzuerleben - und zu gestalten. Lediglich beim Casting hatten sie kein Mitspracherecht. Ansonsten waren den 14 beteiligten Kindern keine Grenzen gesetzt: Schauspielerei, Dreh, Ton und Schnitt lagen in ihrer Hand. Selbst an dem Drehbuch von Anja Schmidt werkelten sie herum.
"Wir konnten immer sagen, wenn wir Verbesserungsvorschläge hatten, egal ob es um einzelne Sätze oder ganze Handlungsabläufe ging", sagt Anna Sophia stolz. Auch der Schluss des Films - ein ganz anderer als im Original - beruht auf den Überlegungen der gesamten Filmcrew. Ein simples "Abspielen" irgendwelcher Vorgaben habe es nicht gegeben, betont Anja Schmidt. Das sei eben der Vorteil solcher freiwilligen Projekte, findet die Medienpädagogin: "Man erwischt genau die Kinder, die auch wirklich Lust darauf haben."
Wie Anna Sophia und Eva Charlotte: Da beide schon Schauspielerfahrung in Neubrandenburg und Wolkow gesammelt hatten, waren sie begeistert, als sie über die Casting-Ausschreibung stolperten. Zunächst dämpfte es ein wenig die Euphorie, dass ausgerechnet ein DDR-Film nachgedreht werden sollte. "Ich habe zuerst gedacht, dass es eine unglaublich langweilige Story sein muss", sagt Anna Sophia. Und auch die Filmpartner Aljoscha Schmidt - im Film als Knutschi zu sehen - und Lennart Hinrichs - alias Felix - fanden anfangs die ganze DDR-Sache "ganz schön bescheuert". Als sie dann beim Casting Drehbuch und Film kennen lernten, waren sie jedoch mit Eifer dabei.
"Das ganze Thema Ausgrenzung und Mobbing ist einfach nah dran an ihrer Lebenswelt", sagt Anja Schmidt. Auch wenn von den Kindern niemand das Wort Mobbing in den Mund nehmen mag, die Situation, dass jemand ausgeschlossen wird, ohne zu wissen warum, kennen sie. Und obwohl ihnen das durch den Dreh noch einmal bewusst geworden ist - auch der Streifen selbst birgt ein kleines Risiko für Hänseleien. "Ein bisschen habe ich den Spitznamen Tilla jetzt weg", sagt Anna Sophia und zuckt mit den Schultern. Das mache ihr jedoch nichts aus: "Es gibt sicher peinlichere Rollen."
Extra ausstopfen lassen wollte sich Anna Sophia für die Dreharbeiten aber nicht. Das sei auch in Ordnung, sagt Anja Schmidt. Schließlich sollten die Kinder nicht nur nach Vorlagen handeln, sondern etwas Eigenes kreieren. Den Original-Streifen schaute die Gruppe sich deshalb erst nach den Dreharbeiten bewusst gemeinsam an, so die Medienpädagogin.
"Der Film war schon toll, aber eben noch verbesserungswürdig", urteilt Aljoscha. "Die dicke Tilla - Reloaded", da stimmen alle Kinder zu, ist eindeutig die schönere Version.

 

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